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Blagoweschensk (22.01.2007)

Seit halb vier sitze ich nun vor dem Computer und lese die vielen E-Mails der letzten Tage. Obwohl ich völlig übermüdet gegen 22 Uhr ins Bett gegangen bin, konnte ich heute Morgen einfach nicht mehr schlafen. In Blagoweschensk wäre es halb zehn gewesen und ich bereits mitten im Seminar. Mal sehen, wie schnell sich mein Körper auf die sechs Stunden Zeitunterschied einpegelt.

Es waren großartige Tage im Fernen Osten. Und ich bin mehr als glücklich, am Ende der Moskau-Zeit ein weiteres Stück Russland kennen gelernt zu haben. Ein wunderbares Stück Russland, welches wohl nur wenige erlebt haben. Schließlich sind es von Moskau aus acht Stunden Flug bis nach Blagoweschensk. Und ich habe endlich einen richtigen Winter erlebt. Richtige Kälte. Ohne Handschuhe kann man dort nicht überleben. Allein fünf Minuten ohne und die Finger sind fast taub. Es mag komisch klingen, aber es ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte…

Blick aus dem Fenster: China. Nur die kleinen Türme aus Stahl auf manchen der Häusern lassen es erahnen. Dazwischen der Amur. Die Grenze. Zugefroren. Weiß. Und mitten darauf haben sich die LKWs eine Straße erfahren. Der Schnee ist zu Eis gefroren und liegt zerhackt in kleinen Stücken am Straßenrand. Die Ritzen des Hotelfensters sind komplett verklebt. Auf einem Zettel steht in russisch, englisch und chinesisch "Fenster nicht öffnen!". Russische Wärmeisolierung. Draußen sind es -20 °C. Ich sitze auf der Fensterbank und wärme mir die Füße auf der Heizung. Im Fernseher läuft Deutsche Welle. Und wieder schaue ich aus dem Fenster. Die Menschen sehen mit ihren Felljacken, -mützen und -handschuhen aus, wie die Sibirier, die man aus Fernsehreportagen kennt. Auch wenn wir nicht in Sibirien, sondern im dahinterliegenden Fernen Osten sind. Alles wirkt noch total unreal. Wahnsinn. Ich sollte schlafen. Aber ich kann nicht. Immer wieder gehe ich zum Fenster und schau auf diese wunderbare, raue, karge Landschaft. Zünde mir eine Zigarette an und freue mich über das Glück, das alles hier erleben zu dürfen. Erinnerungen an die Woche in Kurgan kommen hoch. Aber das hier topt alles, was ich in Russland bisher gesehen habe.

Nächster Morgen: Die Nacht war lang und lehrreich. Ich konnte natürlich nicht schlafen. Die sechs Stunden Zeitunterschied hat mein Körper noch nicht mitbekommen. So habe ich mein Buch von Max Frisch gelesen und alle meine Podcast-Folgen gehört. Bis auf die Angst vor dem nächsten Tag war es eine wunderbare Nacht. Ich habe gestaunt, wie lange ich im Bett still liegen kann. Aber ich hatte ja auch genug Ablenkung im Ohr. Geschichten über Neuseeland, die Arktis und über Kuhkämpfe in der Schweiz, die Geschichten der Uhr und des Teddybären. Und ich habe viel neue Musik aus Schweden kennen gelernt. Was will man mehr? Noch eine solche Nacht, und ich kenne die Geschichten wohl auswendig. Gut für mein Allgemeinwissen. Aber schlecht für alles andere an mir. Denn dann würde ich wohl beim Reden am Flipchart einschlafen. Aber momentan geht es ganz gut. Bin frisch geduscht und fit. Die Teilnehmer werden auch so langsam wach und in 30 Minuten gibt’s Frühstück.

Schon am dritten Tag musste ich erschreckend feststellen, dass ich ganz vergessen habe, im Fernen Osten zu sein. So schnell habe ich mich an den Schnee und die eisige Kälte gewöhnt. Kein Wunder eigentlich, denn ich bin den ganzen Tag mit dem Seminar beschäftigt. Stehe sechs Uhr auf, gehe den Tag durch, dann zum Frühstück, bis um neun Uhr das Seminar beginnt. Hier und da eine Pause, dann Mittag und weiter bis kurz nach 18 Uhr. Wieder essen, Abendprogramm und dann ab ins Bett. Ein komplett organisierter Tag. Die Abwechslung gestalten wir tagsüber selbst mit den verschiedenen Inhalten.

Dritter Tag: Heute feiern die Russen das alte neue Jahr. Silvester nach dem alten Kalender. Und unsere Teilnehmerinnen sitzen in ihren Zimmern und denken sich Spiele aus. Beim Abendbrot gibt es dann russische Unterhaltung. Natürlich auf deutsch. Alle fünf Minuten wird mit Sekt angestoßen, den sie sich irgendwo her besorgt haben. Was nicht so einfach ist, denn wir sind mitten im Wald. Mitten im Nirgendwo. Abgeschieden und verlassen. Die Meldung der Tsunami-Warnung erreicht mich nur über das Telefon aus Moskau. „Auf das Glück“, „auf die Liebe“, „auf uns“. Wir sitzen also in der kleinen Bar, ein gemütliches, kleines Kabuff am Fuße des Hügels, essen und trinken, tanzen Lambada und spielen ausgedachte Spiele, tragen Gedichte vor und singen Karaoke. Es ist eine wunderbare Stimmung. Locker und ausgelassen. Eine richtige Russenparty eben. Nur enden wir nicht betrunken und lallend und torkeln singend auf unsere Zimmer. Voller Orientierung begeben wir uns in unser gemietetes Haus, singen noch gemeinsam zwei, drei Lieder und gehen noch vor Mitternacht alle ins Bett. Denn auch wenn morgen Sonntag ist, wird es ein Tag wie die zuvor.

Tag Fünf: Meine Morgenzigarette knistert in der Stille. Am Himmel sind wieder Millionen Sterne zu sehen. Das „Himmels-W“, der „Kleine Wagen“ und viele Sternzeichen, die ich nicht kenne. Und immer noch keine einzige Wolke. Irre! Heute ist bergfest und mein großer Tag. Es geht um Umgangssprache. Neun Stunden lang. Gestern sind mir noch neue, tolle Ideen eingefallen. Wahrscheinlich werden wir gar nicht alles schaffen. Ich freu mich schon sehr auf den Tag, denn bisher habe ich dieses Thema nur mit Jugendlichen selbst gearbeitet. Wie also kommt es bei den Lehrerinnen der älteren Generation an?

Nächster Tag: Gestern Abend war ich vom Seminar so begeistert, dass mir erneut tausend neue Ideen eingefallen sind, die ich alle auf Papier bringen wollte. Danach jedoch sah ich mein Buch von Max Frisch auf dem Tisch liegen und konnte nicht widerstehen. So las ich noch einige Zeit darin, bis mir die Augen zufielen. Die Folge war, dass ich heute morgen nicht aus dem Bett kam und auch noch beim gemeinsamen Frühstück kaum ein Wort sagte. Gott sei dank muss Anja heute ran und leitet das Thema.

Wolken am Himmel. Allerdings bestehen sie nur aus Nebelfeldern. Nur ein Dunst im Blau. Und dazu schneit es wie staub. Klitzekleine Flöckchen. Aber es schneit! Und dazu scheint mir die Sonne ins Gesicht. Nein, sie blendet mich sogar. Wie herrlich!

Neuer Tag: Es ist schweinekalt draußen. Und wie Gestern liegt ein leichter Nebelschleier vor dem Himmel. Dadurch war der Sonnenaufgang noch schöner. Noch farbiger. Inzwischen scheint wie jeden Tag die Sonne. Was haben wir für ein Glück mit dem Wetter. Im Seminar geht es heute um Tabuthemen. Und bis jetzt interessiert es alle. Aber ab und an wird es emotional und man erkennt, wie nah es manchen geht. Ich bin gespannt, wie es weiter geht. Denn in Russland gibt es wesentlich mehr Tabuthemen als bei uns...
Als ich vom Tod und der Beerdigung meines Opas erzählt habe, kamen mir auf einmal so die tränen, dass ich unterbrechen musste. Das hatte ich nicht erwartet. Aber ich fand es gut. Nicht nur für die Gruppe, um zu zeigen, dass auch ich sehr emotional auf dieses Thema reagiere, sondern auch für mich. Seit der Trauerfeier habe ich deswegen glaube ich nicht mehr geweint. Vielleicht auch eher alles verdrängt, als verarbeitet. Ich weiß es nicht. Aber es geht mir jetzt sehr gut dabei. Und es ist auch sehr interessant zu beobachten, wie die Teilnehmer auf alles reagieren. Eine Lehrerin ist gleich zu Beginn gegangen, da sie nicht über den Tod reden wollte. Es war jedem freigestellt. Und alle anderen, die geblieben sind, hatten mindestens feuchte Augen. Auch Anja musste sich die Tränen wegwischen. Aber alle waren beim Thema, stellten fragen und tauschten sich gegenseitig aus. Ein wahnsinniges Gefühl stand im Raum. Toll. Und nach dem Mittag geht es weiter. Wie auch immer.

Nun können wir zurückblicken. Haben das Seminar ausgewertet und sind super zufrieden. Ich glaube wir haben den Frauen einiges mitgeben können. An Wissen, an Methodik, aber auch an Erfahrung. Besonders stolz sind wir auf das Tabuthema. Wir haben es geschafft, etwas in der Gruppe aufzubrechen. Die Teilnehmerinnen haben sich an dem Abend noch lange damit auseinandergesetzt. Und die Auswertungen zeigen, dass es für sie eine sehr wichtige Erfahrung war und wir so etwas unbedingt beibehalten sollen. Machen wir. Im Sommer. Wenn es dann wahrscheinlich wieder für Anja und mich heißt: Auf nach Russland. Diesmal allerdings 60 Teilnehmer in gut 30 Tagen. Eine neue Herausforderung.
22.1.07 10:43
 



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