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Fünf Tage Kurgan (08.05.2006)

Es ist recht frisch, als wir in Moskau ins Flugzeug einsteigen. Ein kleines Flugzeug. Rechts und links gibt es jeweils nur zwei Sitze nebeneinander. Und diese sind mit Schaumstoff und einem altmodischen, rot geblümten Stoff bezogen. Wir haben die beiden Plätze in der letzten Reihe.

Vor der Landung fliegen wir etwa eine Stunde lang über das flache Land. Über nichts. Hier und da ein paar Bäume und Seen. Sonst nur eine Art Steppe. Grau und trostlos. Das ist schon Asien. Die Luftlöcher und Windböen lassen das kleine Flugzeug schaukeln. Mir wird schlecht. Die Landung zieht sich wie ein Kaugummi in die Länge und ich habe Probleme, meinen Magen in Schacht zu halten. Das Flugzeug setzt endlich auf. Mitten in diesem Nichts. Nur rechts ein paar alte Schrebergärten.

Langsam rollen wir die schlecht asphaltierten Bahnen entlang. Ungläubig schauen wir aus dem Fenster. Kein anderes Flugzeug weit und breit. Wo sind wir? Von einem Flughafen ist nichts zu sehen. Auf der linken Seite steht ein langgezogener, flacher Bau. Wie ein seit Jahrzehnten unbewohntes Haus. Daneben beginnt ein etwa zwei Meter hoher Zaun. Und ein Tor mit offenen Türen. Dort hat sich eine Gruppe von Menschen versammelt die uns alle zuwinken. Es ist wie in einem Film. Wir schauen uns ungläubig an.

Die Flugzeugtür geht auf und wir gehen raus. Die Sonne brennt. Willkommen in Sibirien. Die Jacken in der Hand laufen wir den anderen Passagieren hinterher zum Tor, wo auch wir von unserer Gastgeberin begrüßt werden. Keine Sicherheitsschleusen. Nichts. Unsere Koffer holen wir zehn Minuten später aus dem flachen Bau ab.

Mit dem Auto geht’s Richtung Universität. Wir erfahren, dass in Kurgan nur ein Mal am Tag eine Maschine nach Moskau und wieder zurück fliegt. Immerhin hat diese 300.000 Einwohnerstadt einen Flughafen. Seit zwei Tagen schon ist es hier so warm. Über 20 Grad. Wir freuen uns auf fünf Tage Sommerurlaub. Wir wissen noch nicht, dass es zwei Tage später schneit und richtig kalt ist.

In der Universität wissen alle Studenten schon Bescheid. Wie Prominente werden wir angesehen. Manche trauen sich zu uns und begrüßen uns mit einem „Guten Tag“. Tausend Augen kleben an uns. Es ist alles so unrealistisch. Seit drei Jahren war kein deutscher Muttersprachler mehr hier zu Gast. Und diese Universität lehrt unter anderem Germanistik. Erst viel später verstehen wir, was unser Besuch hier für alle bedeutet. Jeder der Studentinnen und Studenten hat einen großen Traum. Die Reise nach Deutschland. Für sie ist Deutschland das Land der Träume. Und wir eine Art Tor dorthin. Wir bereiten den Seminarraum für den nächsten Tag vor und bringen unsere Koffer in unsere jeweiligen Gastfamilien.

Am nächsten Morgen sitzen bereits alle im Raum auf ihren Stühlen. Es sind ausnahmslos Mädchen. Zwischen 19 und 23 Jahre alt. Vom zweiten bis fünften Studienjahr. Nach dem ersten Wort der Begrüßung springen alle zugleich von ihren Stühlen auf. Diese Disziplin erschlägt mich. Ich fordere alle auf, sich wieder hinzusetzen und erkläre ihnen gleich, dass wir die Regeln des Unterrichts die nächsten drei Tage einfach vergessen. Auch biete ich ihnen das Du an, was viele allerdings nicht schaffen anzunehmen. So eine lockere Atmosphäre sind sie nicht gewohnt. Der Workshop beginnt.

Wir beginnen mit Aufwärmspiele und stellen ihnen das Thema Jugendsprache vor. Ich bin erstaunt, wie gut sie alle Deutsch sprechen und verstehen. Die ersten Wörter und Redewendungen werden erklärt und wir haben das Gefühl, ausgesaugt zu werden. Sie nehmen alles Neue auf, fragen neugierig nach und wollen immer mehr. Am Ende des Tages fragen wir spielerisch jeden nach seinem Eindruck vom ersten Tag. Das Feedback ist fast ausschließlich positiv. Alle sind begeistert. Als negative Kritiken kommen nur, dass der Raum sehr schwül ist und dass es zu viele Pausen gibt. Wir sind glücklich und erschöpft.

Am zweiten Tag geht es um Interviews. Tobi als Journalist erklärt worauf es ankommt und was man bei einem Interview beachten muss. Die Atmosphäre ist viel lockerer. Das anfängliche Band zwischen uns und den Studentinnen ist zerschnitten. Es macht uns wahnsinnig viel Spaß.

Und so vergeht auch der dritte Tag wie im Fluge und ohne Zwischenfälle. Die Teilnehmerinnen spielen Theater, schreiben Gedichte, führen Interviews, sind Journalistinnen, Schauspielerinnen und Poetinnen. Sie sind begeistert. Am Ende führen wir einen schriftlichen Test durch. 30 Fragen. Sieben Leute haben alles richtig. Der schlechteste Test hat nur sechs Fehler. Es ist großartig zu sehen, wie sie alles Gelernte aufgenommen haben und auch außerhalb des Workshops anwenden. Immer wieder hören wir Wörter und Sätze wie „cool“, „Das ist mir latte.“ oder auch „Ich schnappe über vor Freude“.

Dieses Gefühl was wir haben ist kaum zu beschreiben. Wir geben den Studentinnen unser Wissen ab. Bringen sie ein Stück zu ihrem Traum. Allein, dass wir mit ihnen reden bedeutet ihnen so viel. Wie sprechen wir die Wörter aus? Wie formulieren wir bestimmte Sätze? Welche neuen Wörter benutzen wir? Wie sieht unser Leben aus?

Und auch der Rest der Bevölkerung hat großes Interesse an uns. So kommt das Fernsehen in unser Seminar und wir geben der Stadtzeitung ein einstündiges Interview. Wer sich einmal als Prominenter fühlen möchte, muss nur als Deutscher in die Regionen Russlands fahren. Selbst auf den Straßen haben wir das Gefühl, erkannt und beobachtet zu werden. Immer wieder wollen Studentinnen mit uns zusammen Fotos machen. Und am letzten Tag wollen fast alle eine persönliche Widmung von uns in ihr Buch über Deutschland, was wir als Geschenk mitgebracht haben. Nun wissen wir auch, dass diese Präsenz sehr anstrengend ist.

An den Abenden sind wir entweder allein oder mit einigen Studentinnen unterwegs. Laufen durch die Stadt, gehen etwas trinken und Schaschlik essen. Wir versuchen, deren Leben zu leben. Und es ist so aufregend. Die Jugend trifft sich auf der Straße, nicht in irgendwelchen Kneipen. Diese gibt es hier kaum. Überhaupt spielt sich das ganze Leben draußen ab. Man lernt tanzen in einer Turnhalle trifft sich mit Freunden bei Megapizza (der zentrale Treffpunkt für alle) oder lernt zu Hause für die Uni. Das Leben hier ist viel einfacher. Die Straßen sind manchmal einfache Sandwege. Deshalb ist die Luft auch sehr staubig. Die öffentlichen Toiletten bestehen oft nur aus einem Loch in der Erde mit einem Häuschen drum herum. Einige wohnen am Rand von Kurgan in großen Plattenbausiedlungen. Viele wohnen aber auch in kleinen Holzhütten. Die Rolle der Frau ist noch der des Mannes untergeordnet. So gibt es auch Eifersuchtsdramen, und Ausgehverbote für die Studentinnen. Es ist ein völlig anderes Leben. Dagegen ist Moskau Westeuropa. Jetzt endlich weiß ich, was die Leute meinten mit „Moskau ist nicht Russland“. Jetzt habe ich das wirkliche Russland kennen gelernt.

Mulmiges Gefühl (10.05.2006)

Es war soweit. Der Tag des Sieges. Einen Tag zuvor noch war der Himmel dunkelgrau, an diesem Tag aber schien die Sonne. Kein einziges Wölkchen war zu sehen. Das Blau des Himmels strahlte wie angemalt. Sie schießen die Wolken also doch ab. Anders war der Blick aus dem Fenster nicht zu erklären.

Ich habe mich Neun Uhr mit Freunden an der Metrostation Teatralnaja getroffen. In Russland trifft man sich oft unten zwischen den Gleisen der Züge. Alle Ausgänge waren von der Miliz gesperrt. Man brauchte einen Propusk (Ausweis), um vorbei zu kommen. Einen Propusk bekamen nur die Leute, die entweder zur Parade geladen waren oder innerhalb des abgesperrten Bereiches wohnten. Ich wurde bereits vorgewarnt, dass wir weder auf den Roten Platz, noch auf die Twerskaja Straße kommen würden. Aber ich wollte es mit eigenen Augen sehen. Denn es geht mir auch jetzt noch nicht in meinen Kopf, wie man den „großen Tag“ mit einer risiegen Parade feiern kann, ohne dass das Volk daran teilnehmen darf. Also fuhren wir eine Station weiter. Und komischer Weise kamen wir aus der Metro direkt auf die Twerskaja. Ohne Absperrung. Ohne Propusk. Klasse! So liefen wir Richtung Roten Platz auf dieser riesigen Straße entlang, die man sonst vor lauter Autos nicht mal überqueren kann. Und die Sonne am Himmel strahlte. Herrlich.

Aber wir kamen nicht weit, denn kurz vor unserem Ziel war alles zu. Wir liefen die Absperrung entlang, um vielleicht irgendwo eine Zugangsstraße ohne Miliz zu finden. Da sahen wir, wie einige Leute über ein hohes Eisentor in einen Hinterhof kletterten. Nach kurzem Überlegen taten wir das gleiche. Nur krochen wir unter dem Tor durch. Die Verlockung war zu groß, vielleicht doch noch die Parade zu sehen. Doch alle Ausgänge des Hofes waren gesperrt und so mussten wir wohl oder über wieder zurück.

Wir liefen etwas umher und beschlossen dann, in Ruhe frühstücken zu gehen. Im Cafe Ogi. Einem Studentencafe gleich in der Nähe. Lecker Omelett. Bis zum Mittag. Dann sind wir zum „Sieges Park“ gefahren. Und mit uns die ganze Stadt. Eine endlose Schlange stand vor dem Park. Jeder Einzelne musste durch eine Sicherheitsschleuse. Hilfe! Und als wir endlich drin waren, war uns ganz mulmig. Die Russen feiern ihren Sieg über Deutschland. Und wir mittendrin. Überall liefen die alten Veteranen herum. Alle ihre Orden und Abzeichen poliert und angesteckt. Mit erhobener Brust und ihren stolzen Frauen an der Hand. Kleine Kinder gingen auf diese wildfremden Menschen zu, dankten ihnen für den Sieg und übergaben ihnen Blumen. Was für ein Bild. Ganz komisch. Dieser Nationalstolz. Als ich eine Frau mit besonders vielen Abzeichen auf russisch fragte, ob ich ein Foto von ihr machen dürfe, erwiderte sie nur mit einem ruppigen „Njet“. Wie konnte ich es auch nur wagen an einem Tag wie diesem sie auch nur anzusprechen. Das hat mich doch etwas erschüttert.

So blieben wir nicht wirklich lange und spazierten mit Zwischenhalt in einem Kaffee gemütlich nach Hause. Kochten uns etwas leckeres zu Essen und sahen DVD. Abends konnten wir von unserer Wohnung aus eines der vielen Feuerwerke sehen. Ein wirklich schönes Feuerwerk. Nur ist es in Moskau nichts Besonderes mehr, da hier jede Woche irgendwelche Feuerwerke sind.

Übrigens war am Abend der Himmel wieder grau und bedeckt. Es fing sogar an zu regnen.

Von Klassik bis Rock (15.05.2006)

Gestern war wieder Kultur angesagt. Ich habe zwei Karten für das Abschlusskonzert des Moskauer Chorfestivals geschenkt bekommen. In dem angeblich schönsten Saal der Stadt. Und tatsächlich. Schon von außen hat mich das Gebäude sehr beeindruckt. Neugebaut aus Glas und Stein. Mit einer in die Länge gezogenen Treppe davor. Das Foyer, ebenerdig, wurde komplett unter dem Saal gebaut. Der Konzertsaal erinnert vom Aufbau etwas an die Berliner Philharmonie. Viele kleine Balkone und Podeste. Von jedem Platz sieht man hervorragend. Alles ist aus Holz gebaut. Vom Fußboden bis zur Decke. Für mich als Tischler ein Meisterwerk!

Das Konzert war wie in Russland typisch sehr unorganisiert. So hielt die Moderatorin noch ihre Rede, als der erste Chor bereits anfing zu singen. Viele Chöre aus vielen Nationen gaben kurze Kostproben zwischen den vielen Preisverleihungen. Von total schief, bis sehr professionell war alles dabei. Zwei Kinderchöre waren die Zuschauerlieblinge. Dazwischen Kehlkopfgesang und ein klassisches Trio aus Klavier, Chelo und Geige. Dann wurde die Pause eingeläutet. Wir mussten gehen, denn der nächste Programmpunkt stand auf unserem Plan.

Der Jugendclub „Jugendbrücke“ aus dem Deutsch-Russischen Haus hatte ein Jugendbandfestival organisiert. In einer kleinen Musikkneipe auf dem alten Arbat. Holzfässer wurden als Tische umfunktioniert und so bekam alles einen Hauch an irischen Charme. Der Raum war voll. Viele Jugendliche waren gekommen und feuerten ihre Bands an. Ich war erstaunt, wie professionell die Musiker waren. Kein musikalischer Brei, sondern richtig cool arrangierte Songs. Hut ab. Russische und englische Lieder, von Metalrock bis Pop. Alles dabei. Fast jede Band hatte eine Sängerin zur Zierde mit dabei. In Deutschland würde man sie böse als „Tussi“ bezeichnen. Aber so sind hier die russischen Mädchen. Hohe Absatzstiefel, enge Hosen mit einem breiten Gürtel um der Hüfte und im Gesicht zwei Stunden vor dem Spiegel zurechtgemacht. Vor der letzten Band sind wir dann gegangen. Wir waren zu müde, um zu bleiben.

Medienrummel (22.05.2006)

Was für eine Woche. Am Montag kam Post aus Kurgan. Eine Zeitung und ein Videotape. “Die Deutschen heiraten spät, ziehen aber früh von zu Hause aus”, steht als Überschrift auf einer Seite. Darunter das Interview von mir und Tobi mit je einem Bild von uns. Fast die ganze Seite. Whow. Es geht darin zwar mehr um die Deutschen, als über den Workshop, aber trotzdem gut. Auch wurden unsere Antworten zum Teil falsch übersetzt, sodass ein komplett anderes Bild von uns gezeigt wurde. So ist das mit der Presse. Das Video zeigt einen Ausschnitt aus einer russischen News-Sendung a la Explosiv. Etwa zwei Minuten sind wir zu sehen. Wie wir den Workshop leiten und anschließend ich vor dem Mikro. Schon lustig zu sehen, wie meine deutschen Antworten russisch übersprochen werden. Kurganer, wir lieben euch!

Doch damit nicht genug. In der nächsten Ausgabe der Moskauer-Deutschen Zeitung erscheint das nächste Interview. Andrea, die Praktikantin und wunderbare Frau, hat mich letzte Woche ausgequetscht. Über mein Leben, meine Sicht auf Moskau und natürlich über meine Arbeit hier vor Ort. Sie hat daraus einen wirklich großartigen Text gezaubert.

Und dann stand da zufällig der Redakteur der Deutschen Welle (Radio) beim Rauchen neben mir. Doch nicht lange. Wir gingen in einen der Konferenzräume und nahmen noch ein Interview auf.

In meinem Postfach dann noch eine Anfrage per E-Mail, ob ich nicht in einem Kreis von etwa 30 Leuten über mich einen Vortrag halten und anschließend mit allen darüber diskutieren möchte. Wunderbar.

Das kommt mir ehrlich gesagt alles sehr entgegen, da ich schon wieder ein neues, großes Projekt in meinem Kopf habe, für das ich einige Partner brauche. Und wenn diese meinen Namen schon mal irgendwo gelesen oder gehört haben, dann macht es die Sache doch viel einfacher.

Aber erst muss ich die Fußball-WM Events zu einem Erfolg werden lassen. Gerade werden 2.500 Flyer gedruckt. Ich brauche 200 Besucher bei der Übertragung des Eröffnungsspiels.

Nun geht es allerdings vorher nach St. Petersburg. Dienstreise. Ich werde mir das Deutsch-Russische Haus dort anschauen und mich mit den Kulturbeauftragten vor Ort unterhalten. Vielleicht ergibt sich daraus ja wieder eine neue Verbindung. Networking.

Interview, Moskauer Deutsche Zeitung

Berliner Schnauze und einen Kopf voller Ideen
Felix Kosel ist der neue Kulturbeauftragte im Deutsch-Russischen Haus

Der gebürtige Berliner knüpft Kontakte, besucht Sibirien und bringt deutsche Fußballkultur nach Russland. Sein Ziel: ein Forum für den Austausch zwischen Russen, Deutschen und Russlanddeutschen in der Malaja Pirogowskaja 5.

Gradlinig ist sein Weg bisher nicht gewesen. Von der Ausbildung Tischler, über verschiedene Praktika im Kulturbereich zur Musikbranche gekommen und schließlich bei seinem „Traumjob“ in einer Hamburger Plattenfirma gelandet, hat Felix Kosel sich sein jetziges Arbeitsfeld sicher nicht träumen lassen. „Mit Russland habe ich lange nicht viel verbunden. Eher hatte ich ein paar Vorurteile zu Moskau, so was wie Mafia, Moloch und schwarze Mercedesse“, sagt Kosel, der in Deutschland auch schon mit einem Jugendmagazin selbstständig war. Als sich ihm aber die Möglichkeit bot, für ein Jahr als Kulturbeauftragter des Deutsch-Russischen Hauses nach Moskau zu kommen, griff er sofort zu. Daneben betreut er im Auftrag des Internationalen Verbandes deutscher Kultur (IVDK) russlanddeutsche Künstler. Anders als bei einem Aufenthalt im europäischen oder amerikanischen Ausland habe er hier die Möglichkeit, ein im Westen noch recht unbekanntes Verständnis von Kultur kennen zu lernen, so Kosel, „und überhaupt bin ich immer neugierig auf andere Länder und Menschen.“
Sein Arbeitsfeld erwies sich als weit und wenig beackert. Vor allem fehlte dem Deutsch-Russischen Haus eine einheitliche Linie in der Kulturarbeit, die einzelnen Veranstaltungen standen eher unverbunden nebeneinander. Kosel möchte dem Haus ein „neues kulturelles Gesicht“ verleihen, wie er es nennt, dabei aber eine weite Definition von Kultur anlegen. „Für mich gehören politische Diskussionen und Veranstaltungen zu gesellschaftlich relevanten Anlässen ebenso dazu wie ein klassisches Konzert anlässlich des Europäischen Tages der Musik“, erklärt er. So wird es etwa zum am 15. Juni einen Runden Tisch zum Thema „HIV/Aids-Prävention“ mit Expertengesprächen geben.
Daneben hat er auch schon die Gelegenheit genutzt, über den Moskauer Tellerrand zu schauen. In Kurgan, Sibirien, leitete Kosel gemeinsam mit dem befreundeten Wirtschaftsredakteur der Moskauer Deutschen Zeitung Tobias Zihn einen Workshop zum Thema „Jugend- und Umgangssprache in Deutschland“. Beim Blick auf die ganzseitige Berichterstattung einer Kurganer Zeitung muss Kosel lachen: „Im Interview ging es eigentlich nur um die Frage, in welchem Alter deutsche Jugendliche heiraten. Die Arbeit mit den hoch motivierten Jugendlichen war aber eine wirklich tolle Erfahrung, und nicht zuletzt habe ich gelernt, dass es in Sibirien Temperaturen über 30 Grad geben kann!“ Die Ausbeute der Reise für das Deutsch-Russische Haus? Eine Sammlung von Haikus (japanische Gedichtform) auf Deutsch zum Thema Deutschland und Russland, für deren Ausstellung Kosel schon verschiedene Räume taxiert hat.
Sein Lieblingskind zurzeit ist aber die Übertragung der Fußball-WM, ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Goethe-Institut Moskau. Neben den Spielen der deutschen Mannschaft, des Halbfinales und Finales werden zudem deutsche und russische Filme rund um das Thema Fußball gezeigt, es wird ein Fußballquiz mit Preisen und Sprachspiele geben.
Fußball als Kulturveranstaltung? „Na klar!“, bekräftigt Kosel. „Welches andere Thema würde sich wohl mehr dazu anbieten, auf fröhliche und freiwillige Art verschiedene Kulturen an einen Tisch bzw. vor eine Leinwand und darüber ins Gespräch zu bringen?“ Nicht zuletzt hat dieses Projekt auch verschiedene Akteure des Deutsch-Russischen Hauses an einen Tisch gebracht, was Kosel besonders freut. „Denn wenn einfach mal alle an einer Sache arbeiten, wird das Ergebnis umso schöner. Das vermisse ich manchmal noch in Russland.“

St. Petersburg (23.05.2006)

Fast sechs Stunden Zugfahrt liegen vor uns. Für mich, die erste Zugfahrt in Russland. Ich bin aufgeregt. Zusammen mit meiner Chefin Irina, der Direktorin des Deutsch-Russischen Hauses, und Anja, der Leiterin der Spracharbeit, ziehen wir unsere Koffer in Richtung Zug. Vor jedem Wagon steht ein Angestellter und kontrolliert die Fahrkarten. Was für ein Personalaufkommen! Rechts und links vom Gang sind je zwei Sitzplätze nebeneinander. Die Sitze sind wunderbar bequem und die Beinfreiheit gigantisch. Die Lehne lässt sich problemlos in Liegestellung verstellen, ohne dass der Hintermann eingeengt ist. Whow. Das ist besser als in deutschen Zügen.

Wir fahren durch eine wunderbare Landschaft. Alles ist grün. Hier und da ein kleines Dorf. Idyllisch. Mit Sandwegen und kleinen Holzhäusern. Wir könnten auch durch Deutschland fahren. Es gibt kaum einen sichtbaren Unterschied. Die Sonne scheint und wir sind vertieft in Gespräche über unsere Arbeit. Erstellen Kostenkalkulationen und gehen neue Ideen durch. Toll.

Inzwischen ist es fast 22 Uhr. Die Sonne scheint noch immer Irina ins Gesicht. Weiße Nächte. Diese sind allerdings erst richtig in einem Monat. Ein schönes Gefühl. Wir reden und reden. Und plötzlich sind die vielen Stunden um und wir sind da. St. Petersburg. Ausstieg.

Die Stadt ist wie eine Kurstadt. Nicht vom Stadtbild her, sondern wegen der sauberen Luft. Meer. Erholung. Überhaupt ist es viel sauberer hier. Keine verstaubten Straßen. Frische. Alles erinnert mich ein wenig an Dresden. Altstadt. Die Straßen sind so eng wie in Deutschland. Der Verkehr allerdings der gleiche wie in Moskau. Die Brücken erinnern etwas an Venedig. Ich war zwar noch nie dort, aber so stelle ich mir die Stadt vor. Überall kleine Verzierungen. An den Geländern. An den Häusern. Amsterdam? Über 100 Inseln hat diese Stadt, die durch den Bau der vielen Kanäle entstanden sind. Nur ab und an wird man an Russland erinnert, wenn am Ende der Straße eine Kirche mit den typischen goldenen Kuppeln zum Vorschein kommt. Sonst ist es sehr europäisch hier.

Auf einmal stehen wir an der Newa. Dem Fluss, der ins Meer mündet. Und mir wird ganz warm ums Herz. Die Augen füllen sich mit Tränen und ich muss schlucken. Erinnerungen an Hamburg. Hafen. Wasser. Windböen. Wie vermisse ich meine Heimat.

Kurz nach Mitternacht gehen wir ins Hotel. Es ist immer noch keine dunkle Nacht. Der Verkehr auf der Straße entspricht auch nicht der Uhrzeit. Die Autos rasen an uns vorbei. Jugendliche laufen uns entgegen, als würden sie gerade erst losziehen. Dabei ist es mitten in der Woche. Komisch. Aber auch schön anzusehen. Denn auch die Mode ist hier europäischer. Zwar sehen wir auch hin wieder hohe, weiße Stiefel mit knallroten Stickerein drauf, aber die Leute sind hier irgendwie besser angezogen. Die Farben passen zusammen und der Kitsch scheint nicht ganz so groß geschrieben zu werden. Es ist ein wenig wie Urlaub in Europa.

Wieder Zuhause (24.05.2006)

7:45 Uhr klingelt mein Handywecker. „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen Sonnenschein…“. Ich schalte den Fernseher an und bin glücklich. Das Hotelzimmer ist Luxus gegenüber den Moskauer Hotelzimmer, die ich bereits kennen lernen durfte. Der Blick aus dem Fenster lässt meinen Morgengruß war werden. Sonne! Im Hof spielen Jugendliche Fußball. Ich öffne das Fenster und gehe unter die Dusche. Anschließend treffe ich auf Irina und Anja im Frühstücksraum, die munter ihren Kaffee und Saft schlürfen. Ich tu das gleiche. Bestelle mir Amerikano Kaffee, nehme mir eine Scheibe Toast und einen Jogurt. So fängt der Tag doch gut an.

Das Deutsch-Russische Begegnungszentrum befindet sich im Hof des Hotels, im Anbau der St. Petri Kirche. Dort treffen wir auf Arina, die Leiterin, die uns ihre Mitarbeiter vorstellt und die Räume zeigt. Die Kirche ist früher zu einem Schwimmbad umfunktioniert worden. Ich schau mir ungläubig die Fotos an. Ein Mädchen springt von einem 3-Meter-Turm ins Becken und im Hintergrund die Gemäuer und Fenster der Kirche. Irre! Und irgendwie auch unreal.

Den ganzen Tag über reden wir über die Arbeit. Die in Moskau und die in Petersburg. Die Koordination der Spracharbeit soll hierher verlegt werden. Die Übergabe ist in vollem Gange. Ich sauge gierig alle Informationen in mich auf. Immer mehr verstehe ich von den Strukturen dieser Firma. Von Zusammenhänge und Abläufe. Erkenne mehr einen Sinn in dieser Arbeit. Woher kommen welche Gelder um die Projekte umzusetzen? Welche Möglichkeiten der Projektarbeit gibt es? Welche Ziele werden angestrebt? Der Input tut mir gut. Und macht müde. Ich bin ganz fasziniert von der Struktur und Arbeitsweise der Petersburger. Es geht also doch. Teamgeist. Mitdenken. Effektivität. Klasse!

Nach vielen Diskussionen und Besprechungen steht das Abendprogramm an. Wir entschließen uns, den Weg zum Club zu Fuß zu gehen. Den ganzen Tag über haben wir gesessen. Karten für eine Jazz-Session wurden reserviert. Und so sitzen wir an einem der etwa zehn Tische in einer warmen Atmosphäre. Kerzen brennen auf den dunklen Holztischen. Wir bestellen Wein, Bier, einen Obstteller und Butterbrote. Buttebrote sind hier belegte Brote. Eine Art Sandwich. Und schon geht es los. Fünf junge Musiker improvisieren. Eine Mischung aus modernem und Bar-Jazz. Wunderbar! Habe ich bisher noch nicht gesehen. Nach etwas 30 Minuten wird die Bühne für alle geöffnet. Und schon strömen weitere Musiker herein. Das Saxophon wird abgelöst vom Kontrabass. Die Trompete vom Klavier. Das Schlagzeug gibt ab an die Gitarre. Und auf einmal stehen drei Saxophonisten auf der Bühne. Die Instrumente wechseln die Musiker. Ein richtiger Schlagabtausch. Und die Musik läuft immer weiter. Da kommt eine Sängerin dazu. Singt und geht wieder von der Bühne. Jeder der Musiker nimmt sich einen Part, spielt und gibt an den nächsten ab. Wie sprechen sie sich nur ab? Ich komme nicht dahinter. Als ich von der Toilette komme, steht am Kontrabass ein Mädchen, das mit ausgestreckten Armen gerade mal so groß ist, wie das Instrument selbst. Und sie spielt und spielt… Und auf einmal ist schon alles zu Ende.

Irina und ich beschließen, auch den Rückweg zu Fuß hinter uns zu bringen. Es ist ja noch hell draußen. Allerdings beginnt es zu regnen. Zu schütten. Und so laufen wir pitschenass durch den Regen von Petersburg. Die Straßen sind wie gestern voller Menschen. Das Leben tobt. Aber wir sind erschöpft vom Tag und gehen direkt ins Hotel. Schlafen!

9 Uhr. Ich treffe mich mit Lisa. Sie arbeitet auch im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum und hat die Idee, ein Jugendbandfestival zu veranstalten. Mit Laienbands aus Hamburg. Denn Hamburg ist die Partnerstadt von Petersburg. Ach würde ich doch nur hier arbeiten… Wir überlegen, das Festival auch auf Moskau auszubreiten. So habe ich in unserem Haus etwas davon und kann bei der Organisation mithelfen. Diese Idee hatte ich in Moskau nämlich auch. Und mit noch einem starken Partner an der Seite macht es eh viel mehr Spaß. Also verabreden wir uns für die nächsten Tage per E-Mail und Telefon.

Der Rest des Tages vergeht mit weiteren Gesprächen über die Spracharbeit. Ich bekomme ein weiteres Projekt. Eine digitale Datenbank für methodisches Material zu konzipieren und zu organisieren. Wieder eine Aufgabe, die mir Spaß bringt und in die ich mich reinknien kann.

Irina ist bereits im Flugzeug Richtung Moskau, da sie heute Nacht weiter nach Perm muss. Anja und ich sitzen also allein im Zug und quatschen über die vielen Inhalte der Diskussionen. Aber vor allem arbeiten wir. Reden über die nächsten Schritte meiner Workshops, schreiben Protokolle, werten meinen Workshop in Kurgan aus und gehen die Überarbeitung der beiden neuen Deutsch-Lehrbücher durch. Der Zug fährt in Moskau ein, als ich die letzte Seite durch habe. Ich bin geschafft. Kaputt. Müde. Ab ins Taxi und nach Hause. Über die breiten Straßen, durch den hektischen Verkehr. Mir fällt auf, dass es auch hier um 22 Uhr noch hell ist. Und die Tage werden noch länger. Zu Hause!



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